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Mehrsprachige Websites: Eine Frage des Content-Modells

Im Zuge der europäischen Entwicklung wird auch für kleine und mittelständische Unternehmen das Thema "Mehrsprachigkeit" relevant. Websites sind heute zumeist einsprachig aufgebaut, obwohl in vielen Fällen eine Mehrsprachigkeit einen interessanten Wettbewerbsvorteil bringen würde.

Der Entscheidung zur mehrsprachigen Website liegen in erster Linie strategische Überlegungen zu Grunde, die die entsprechende Ausrichtung eines Unternehmens betreffen. Hat man jedoch die Rolle der Website als multi-nationales Vermarktungsinstrument definiert, so steht man zumeist vor einem komplexen und teuren Problem. Im Folgenden wird ein einfaches Modell vorgestellt, das einerseits den Einstieg in die Mehrsprachigkeit erleichtert und zudem ein produktives Website-Management für deutlich mehr als zwei Sprachen nachhaltig unterstützt.

Viele Website-Management-Systeme beanspruchen das Feature "Mehrsprachigkeit" und beschränken sich dabei leider lediglich auf die Button-Beschriftungen des Anwendungs-Interfaces. Will der Anwender mit seinem Content-Management-System eine mehrsprachige Website aufbauen, so steht er vor einer Vielzahl von Fragestellungen, für die üblichen CM-Systeme kaum Standard-Antworten parat haben. Aufwendige Software-Anpassungen sind erforderlich, um den entsprechenden Workflow und Publishing-Prozess für multilinguale Rubrik-Strukturen und Dokumentvarianten umzusetzen. Die Kern-Problematik eines kontinuierlichen mehrsprachigen Pflege-Prozesses lässt sich mit folgenden Fragen erfassen:

  1. Welche Informations-Architektur ist für den initialen Status geeignet?
  2. Wie werden sich landesspezifische (Produkt-) Informationen entwickeln?
  3. Wie stark ist der Einfluss einer zentralen Redaktion auf das Informationsangebot?

Im Rahmen diverser Consultingprojekte aus unterschiedlichen Branchen wurde von HOFFMANN+LIEBENBERG ein grundlegendes Content-Modell für die Mehrsprachigkeit entwickelt, das in Form des Open-Source Content Management-Systems "ZMS" nun frei für jedermann zugänglich ist (www.zms-publishing.com).

Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass die mehrsprachigen Inhalte in einem einzigen CMS-Mandanten pflegbar sein und die sprach-differenten Website-Varianten einer in weiten Teilen gleichartigen inhaltlichen Konzeption entsprechen sollten; dabei möchte man den Reaktionsprozess synergetisch bzw. zentral koordiniert abwickeln. D.h. ein großer Teil der Dokumente muss also übersetzt werden und eher ein kleiner Teil der Inhalte wird landes- bzw. spezifisch gepflegt.
Demzufolge erhält jedes Inhalt-Objekt für jede der zu publizierenden Sprachen eine Variante (Replikation in alle Sprachen); nicht nur diese Inhalte sondern auch alle Attribute (Metadaten wie Titel, Kurztitel, Autor, Datum etc.) und Bilder etc. müssen potenziell in jeder Sprachvariante separat pflegbar sein. Das Modell geht von einer Primärsprache aus (z.B. englisch), für die initial die Grundstruktur der Site und die Dokumente inhaltlich aufgebaut werden; die primär-sprachlichen Objekte erscheinen in allen Sekundär-Sprachen (z.B. Deutsch, Französisch) im Redaktionssystem zunächst als "nicht-übersetztes" Replikat bis ein entsprechender Übersetzungs-Prozess redaktionell durchgeführt wurde. Erst dann kann eine Dokument-Freigabe erfolgen und eine Freigabe für die Website erfolgen.
Die inhaltliche Struktur spiegelt sich somit symmetrisch in allen Sprach-Varianten und erlaubt an jedem Punkt einen Wechsel und die andere Sprachen. Solch eine starre Symmetrie kann man dadurch flexibilisieren, dass man für die Content-Objekte weitere Möglichkeiten für den Grad der sprachlichen "Reichweite" (DC.Coverage) erlaubt:

  1. Lokaler Inhalt (monolingual, wird nicht übersetzt) [DC.Coverage=local]
  2. Vorgeschlagener Inhalt (zentral erstellt und ist für alle Sprachvarianten geeignet, muss aber nicht übersetzt werden) [DC.Coverage=proposal]
  3. verpflichtender Inhalt (zentral für alle Sprachen erstellt, muss übersetzt werden) [DC.Coverage=obligation]
Bestimmung der Reichweite eines Dokuments

Screendetail ZMS: Bestimmung der Reichweite eines Dokuments das Meta-Attribut DC.Coverage. Eine lokal begrenzte Reichweite wird durch Auswahl des entsprechenden Sprachkürzels (in diesem Fall "ger"=Deutsch) definiert.

Nach diesem Content-Modell besteht jede Sprachvariante aus einer gleichartigen Grundstruktur von verpflichtenden (DC.Coverage=obligation) und optional mehrsprachigen Rubriken bzw. Dokumenten (DC.Coverage=proposal); dieser Inhalte-Stamm wird ergänzt um sprachspezifische (lokale) Rubriken oder Dokumente, die nur im Redaktionsinterface der entsprechenden Sprache sichtbar sind.

Fliegender Wechsel in die komplementären SprachvariantenZoom (27KB)

Screenshot ZMS: für jedes Content-Objekt kann man leicht über die Sprachauswahl (rechts oben) in die komplementären Sprachvarianten wechseln (gilt für "obligation"- bzw. "proposal"-Inhalte)
 

Arbeitslisten für den Übersetzungs-WorkloadZoom (27KB)

Screenshot (ZMS): Liste der noch ins Englische zu übersetzenden Inhalte

Damit der Übersetzungs-Prozess koordiniert ablaufen kann, wird ein Dokument zunächst in der Primärsprache solange "local" gehalten, bis es inhaltlich komplett ist. Dann wird die Coverage von "local" - je nach Anforderung - auf "proposal" oder "obligation" gesetzt und in allen Sprachen erscheint im Content-Baum ein primärsprachliches Replikat (und entsprechende Arbeitslisten-Einträge). Der Content der Sprach-Varianten bleibt solange identisch mit dem der Primärsprache (Content-Vererbung) bis ein erstmaliger Bearbeitungsprozess die Beziehung zur primär-sprachlichen Ausgangs-Variante löst.
Damit löst sich der Arbeitsprozess der Sprach-Varianten und geht für die weitere Pflege in einen sprach-spezifischen ggf. mehrstufigen Workflow für Bearbeitung und Freigabe über.

Der Vorteil dieses Modells ist, dass eine zentrale Redaktion weitgehend die inhaltliche Kontrolle behalten kann und die Übersetzungsarbeit koordiniert ablaufen kann. Das erleichtert die Qualitätssicherung, und die Website behält eine übersichtliche Architektur.




Dr. Frank Hoffmann
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